Sarek-Tagebuch 2001 - Teil 2

 Neu >>Übersichtskarte mit Bilderschau

Mo. 20.8.2001: Zum Ruotesvagge

7.30 raus aus den Synthetikfasern. Leichter Raureif glitzert in der Sonne. Wir passieren das Nationalparkschild, gehen einen kleinen Hang hoch und haben plötzlich Supersicht über eine weite Ebene mit vereinzelt stehenden Birken. Links das Akkamassiv unter blauem Himmel. Zahlreiche Pfadspuren durchziehen die Ebene Richtung Ruotesvagge und münden nach einiger Zeit in eine gut eingetretene Spur - die Sarekautobahn. Man merkt schon das die Hauptverkehrswege in den großen Tälern anders frequentiert werden, als z.B. die Hochebene um den Parekjakka im Osten, die wir vor gut 10 Jahren besucht haben.  Oft queren wir kleine Bäche, trinken das klare Wasser und finden dieses "direkt aus dem Bach schöpfen" einfach phänomenal gut. Pause, Wasser mit Multivitamin-Brausetabletten, der üblichen halben Rittersport (quadratisch, praktisch, weg), 2 Brotscheiben, Wurst und Müsliriegel, in der Sonne dösen und weiter. Micha trifft auf einen Kampflemming. Der Kleine zischt und zappelt und lässt sich auch vom hingehaltenen Trekkingstock nicht einschüchtern - ob dieses Verhalten eine gute Überlebensstrategie ist? Irgendwann drückt der Rucksack wieder erbärmlich. Mit Micha laufe ich am Fluss entlang, wir müssen Sumpfflächen umgehen. Die anderen halten sich weiter oben am Hang. Nach der Einmündung des Niakjakatj aus dem Ruotesvagge gehen wir noch ein Stück bis zu einer Flusskurve. Aus dem Tal weht ein eisiger Wind und wir finden hinter einem Hügel einen etwas ruhigeren Lagerplatz mit freier Sicht auf Akka und den Niak, der wie ein Wächter am Eingang des Ruotesvagge steht. Im Abendlicht leuchtet er majestätisch, ein Falke rüttelt in der Luft, ein paar (Raub-?)Möwen gibt es hier auch und 4 Rentiere kommen uns besuchen, als wir warm eingepackt nach dem Essen vor den Zelten liegen. Das Spülen wird zur echten Herausforderung, den der kalte Wind, die bald verschwundene Sonne, das eiskalte Wasser und die Gemüsebrühwürfel haben sich gegen uns verschworen - Fett und Gemüseteilchen haften auf Plastikoberflächen von Essnäpfen und Lexanlöffeln wie geklebt (die Brühwürfel haben wir fortan nie wieder benutzt). Sandmännchenzeit.

Blick zurück auf das Akka-MassivBild: 3. Lagerplatz, Blick aufs Akka-Massiv

Di. 21.8.2001  Regen, Regen, Tröpfchen ...

Wolken dicht über den Köpfen, beim Laufen nieselt es immer stärker. Kurz vor dem höchsten Punkt im Ruotesvagge fließt ein 15m breiter Bach, der sich gut über Steine queren lässt. Dann sind wir in der Renwächterhütte. Sie ist offen und innen ziemlich versaut: leere Whiskeyflaschen, verschmierter Kaugummi auf dem Tisch, vergammelte Unterhosen ... kaum zu glauben was für "Naturfreunde" sich alles im Sarek verlaufen. Wir unterhalten uns mit einem schwedischen Alleingänger, der von unseren Goretex-Schuhen schwärmt - seine Lundhags sind auch gut, aber immer feucht. Mich drückt es ungemein, muss ausgerechnet im besten Regen mit dem Spaten (ein leichtes Aluschäufelchen) los - was gäbe ich für einen Regenschirm.  Der Weiterweg führt ab jetzt wieder bergab. Reichlich Verkehr auf der Autobahn. Der Smailajakka muss gefurtet werden. Zum ersten Mal holen wir die Trekkingsandalen raus, auch der Schwede muss die Lundhags ausziehen. Steff und Martin sind wie üblich schon lang am anderen Ufer. Das milchige Gletscherwasser ist keine 2 cm zu durchschauen und beim ersten ganz schmalen Rinnsaal stehe ich plötzlich bis zu den Oberschenkeln im Wasser, der breite Fluss selbst geht dagegen nur bis an die Knie - recht frisch das Ganze, schön, dass es auch von oben nass ist!

Der Weiterweg ist gut ausgetreten, so kann man den Weg nicht verfehlen, auch wenn man beim Laufen mit zugezogener Kapuze stur auf die Fußspitzen schaut. Irgendwann reicht es, Zelte aufbauen und Fastfood wärmen. Alles was über die Mühe von Wasser wärmen geht, wäre jetzt ein Übel - die Trekkingtüten sind hier einfach genial. Der Kartoffeleintopf stopft aber ungemein. Nur Martin und Steff können anschließend noch Ihre planmäßige Portion Mousse au chocolat runterwürgen. Heut hat´s mich erwischt: leichter Durchfall zwingt zu einer weiteren Sitzung. Echt klasse, wenn die Regenhose unten an den Schuhen hängt und die Laufhose mal so richtig nass wird - wo ist mein Regenschirm.

Mi 22.8.2001  Über Mikkastugan zum Pierikjaure

Whow, es regnet n i c h t !  Sachen trocknen, Müsli mampfen, mit Kaffe nachspülen und nebenbei die Gletscher über den Talhängen anschauen. Wir nehmen uns Zeit. Der Weg bis zur Mikkastugan ist gemütlich, links zeigen sich die Gipfel des Sarekmassives. Echt alpines Gelände mit 4er Kletterrouten - Hias Rebitsch soll schon hier gewesen sein.  An der Mikkastugan sind 2 Zelte auf einem topfebenen Campingrasen. Es sind einige Leute hier (ca. 10 außer uns). Hier gibt es ein Nottelefonhäuschen mit Buch zum Eintragen (macht Sinn falls später was passieren sollte) und sogar ein Klohäuschen. Die Stugan selbst ist verschlossen. Sonne scheint und wir faulenzen eine gute Stunde. Hier ist das Herz des Sarek mit Blick in die Täler Kuopervagge, Alkavagge, oberes Rapatal und die sumpfig grüne Skarjaebene. Der reißende Fluss (Smailajakka vereinigt mit Mikkajakka) wird über eine Brücke überquert, die am Saisonende wieder abgebaut wird.

An der MikastuganBild:
Brücke über den Smailajakka und Mikastugan. Im Hintergrund die das Ruotesvagge.

Micha am Matujakatj-BachAm linken Hang lang, mit Blick auf das junge Rapatal, wo Elch und Bär sich gute Nacht sagen, geht´s zum Pierikjaure. Am ersten Bach (Matujakatj) stehen Martin und Steff voll Begeisterung auf der anderen Seite und warten auf uns Nachzügler (wie immer). Die beiden haben sich eine wirklich spezielle Stelle für die Überquerung ausgesucht. Das Wasser zwängt sich durch einen  gut 1Meter breiten Granitengpass und stürzt dann 3 Meter in einen quirligen Pool, der wiederum einen Wasserfallausgang besitzt und wieder einen Pool und dann geht´s über eine Kante. Der Sprung über den Engpass sieht eigentlich recht einfach aus. Nur wenn man mit dem schweren Rucksack dort steht und das Gerät nach hinten zieht, kommen einem doch Bedenken, denn wer drüben abrutscht, geht 3 Meter tief tauchen. Doch die beiden Kumpels sind ganz begeistert und so springe ich schließlich doch und nach mir Micha, derweil Dietmar das einzig Vernünftige tut und weiter oben über die Steine balanciert. Beim Fotografieren von Micha´s Sprung wär ich dann doch beinahe im Pool gelandet, weil nasse, flechtige Granitsteine auch für Vibramsohlen kein gutes Gelände sind.

Bald darauf kommt der nächste Bach. Der Tjagnarisjakatj ist bekanntermaßen bei Regen ein Problem. Heute haben wir Glück, aber ohne Schuhe ausziehen geht es doch nicht. Steff ist im "Spring über den Bach-Fieber" und wandert auf der Suche nach einer geeigneten Stelle immer weiter den Hang hinauf. Der Bach ist allerdings gute 10 Meter breit und relativ reisend. Weiter oben fällt er als Wasserfall über eine Steilstufe und dort sieht es aus, als ob die Felsen auf 2 bis 3 Meter zusammenrücken - absolut utopisch. Egal, Steff steigt höher, bis wir ihn nicht mehr sehen - zum Gletscher hätte er es wohl nicht mehr allzu weit. Wir hoffen, dass er kein Risiko eingeht und Martin fröstelt sich schon mal durch eine passabel aussehende Stelle - eiskalt dieses Gletschercocktail. Nach Regen dürfte das hier extrem übel werden. Steff kommt letztlich doch zurück und macht sich gleich mit Martin wieder in Joggingmanier auf den Weg - irgendwie sind die Jungs nicht genug ausgelastet, wir sollten ihnen ein paar Steine in den Sack packen. Im Zickzack geht es durch eine Art Steinernes Meer. Es dauert, bis wieder ebenes Gelände kommt. Ein kleiner Hügel in der Ferne markiert unser Ziel in der Nähe des Pierikjaure. Der Rucksack fällt von alleine vom Rücken. Gemütlicher Abend. Fotos, schöne Stimmung, der letzte Tee mit Rum.Bergbach Tjagnarisjakatj

Do. 23.8.2001  Ruhetag - Ausflug auf den Pielatjakka

Die Sonne scheint mir wieder mal ins Gesicht - irgendetwas ist hier verkehrt, wir sind doch im Sarek, der Waschküche Europas. Micha kommt vom Bach hoch. Der hat sich doch tatsächlich den Unannehmlichkeiten einer Wäsche unterzogen. Steff und Martin schauen aus dem Zelt und sehen aus, als ob wir gestern gezecht hätten. Steff hat erkannt, dass heute Waschtag ist und geht zum Bach, um sich in voller Länge in die "Badewanne" zu legen. Martin kommt gleich hinterher. Anstehen muss er nicht, denn Steff hat die Wanne relativ schnell wieder verlassen und versucht nun mit dem HiTec Trekkinghandtuch wieder trocken zu werden. Der Rest der Mannschaft verzichtet auf das Vollbad und begnügt sich mit der kleinen Waschzeremonie.

Nach dem ausgedehnten Frühstück wird gefaulenzt oder fotografiert. Irgendwann packen wir es dann doch und steigen den Hang des Pielatjakka (1573m) hoch. Bald geht der gemütliche Fjällboden in eine einzige Schotterhalde über. Bei rund 1300 Metern haben wir eine Superaussicht auf den Pierikjaure, die zurückgelegte Strecke Ruotesvagge, das Alkatjmassiv im Südenwesten (Gletscher, Axel Hambergs Top), ins Rapatal und die Einmündung des Sarvesvagge (viel Grün und Weidendickicht), nur den Blick über den Pass am Laddepakte ins untere Rapadalen bleibt verwehrt. Dazu müssten wir ganz auf den Gipfel und diese Idee stößt angesichts der Knöchelbruchlandschaft nicht auf allgemeine Zustimmung. Dietmar sucht wieder mal das Netz der Netze, aber wie immer gibt das Handy keinen Pieps von sich. Ein Adler zieht oben seine Kreise und wird von einem kleineren Vogel genervt, der ständig auf den König der Lüfte herabstößt, bis der das Weite sucht. Beim Rückweg flitzt noch ein Hermelin durch das Blockfeld - was das hier oben wohl sucht?Ausblick Richtung Mikastugan/Skarja - Hinten rechts das Ruotesvagge

Wieder zurück, ist Trekkingnahrung und Kaiserschmarren mit Puderzucker angesagt. Martin hat nach 5 Minuten wieder eine recht krustige Teigmasse, Dietmar kocht auf kleiner Flamme und wendet unermüdlich bis alles wie bei Muttern zuhause aussieht. Micha fängt an kleine lose Ästchen zu sammeln, um seine Pfannkuchen auf einem Feuer zu backen. Irgendwann rennt jeder durch die Gegend uns sammelt kleine Holzstückchen. Feuermachen sollte man im Park eigentlich nicht, aber die Versuchung ist einfach zu groß. Micha entfacht das Minifeuerchen auf zusammengetragenen Steinplatten, damit das Ganze keine Spuren hinterlässt. Im Abendlicht leuchtet die Felswand des Pierikpakte rosarot während wir um das Feuer stehen. Fotobilanz: von 10 Diafilmen sind jetzt noch 4 übrig. Einer ist für den wohl schönsten landschaftlichen Anblick Europas, das Rapadelta vom Gipfel des Skierfe, reserviert. Ich muss wohl etwas Haushalten.

 

Fr. 24.8.2001   Pastavagge - das andere Afghanistan

PastavaggeDie Sonne brennt vom blauen Himmel, kaum Wolken beim Loslaufen Richtung Pastavagge. Micha bindet bald sein Handtuch an den Rucksackträger, damit er sich den Schweiß besser von der Stirn wischen kann. Angenehmer Weg, von kleineren Blockfeldern unterbrochen. Oben am Pass muss der Gletscherbach Alep Pastajakka gequert werden. Geht mit den Goretexschuhen - oder auch nicht. Steff schafft es mit einem Riesenschritt und fast versenktem Stiefel ganz knapp. Ich gehe Richtung Gletscher hoch in der Hoffnung auf eine bessere Stelle. Fast oben geht es dann mit Hängen und Würgen - Schuhe bleiben trocken. Wir schauen uns die unterhöhlte Gletscherzunge an. Ich gehe ein paar Meter den Gletscher rauf.  Von oben sieht er aus, wie eine Schotterfläche, so viel Steine liegen da drauf. Überhaupt, der Anblick der Passlandschaft wirkt von hier wie ein zweites Afghanistan - Steine, Steine, Steine.

PastavaggeZwei Rentiere schauen uns hinterher als wir vom Pass wieder abwärts wandern. Über Moränenhügel auf und ab geht es bis an die Einmündung des Skaitatjvagge (möglicher Übergang Richtung Skierfe, sieht aber absolut ungemütlich aus). Hier ist eine super Campingwiese auf der auch schon ein Zelt steht. Mir reicht es jetzt mit Laufen - die Knie und Fußknöchel schlackern fröhlich umher. Aber der Wind ist hier recht stark, da wäre der Abend und das Kochen nicht sehr angenehm. Diese Ecke ist ´ne richtige Windschleuse - im Internet hatte ich von 2 Partien gelesen, denen es hier bei Sturm des nachts die Zelte zerlegt hat. Nach einigem hin und her gehen wir doch weiter bis zum Ende des Pastavagge. Ein großer Boulderstein steht hier rum, an dem wohl schon zahlreiche Leute gecampt haben. Unter dem Stein liegen Plastikflaschen und anderes Zeugs.  Martin und Steff klettern am Felsen rum, derweil ein Rentier sich die Zweibeiner neugierig betrachtet. Martin sagt plötzlich: "Jungs schaut euch das Rentier an, das scheißt im laufen, da können wir noch was von lernen".  Da hat er recht, das sollte in jedem Outdoor- und Managerkurs zum Standardprogramm gehören. Schließlich torkle ich beim Rumkramen in den Eingeweiden des Rucksacks rückwärts auf das Alugestänge des Tunnelzeltes - die sieht dann extrem krumm aus und es braucht doch einige Kraft und Gefühl das Stangensegment wieder halbwegs hinzubiegen ohne das es bricht.

 

Sa. 25.8.2001   Sitojaure - Jakatjkaskalako-Hochebene

Über dem Sitojaure - klicken für vergrößerte DarstellungHeute könnten wir schön gemütlich bis Rinim, einem Sommerlager der Samen, laufen und uns mit dem Motorboot bis an den Kungsleden fahren lassen. Aber das Wetter ist wieder mal unnatürlich schön und so geht es nach Plan weiter mit einem völlig weglosen 400 Höhenmeter Anstieg auf die Jakatjkaskalako-Hochebene (Richtung Skierfe). Wir müssen den ganzen elend langen Hang über dem Sitojaure traversieren. Anfänglich geht es noch ganz gut mit schönem Blick auf den Sitojaure und das Motorboot der Samen, das gerade ganz langsam zwischen den Untiefen zum Landesteg manövriert. Blockfelder mit wackeligen Steinen bis in die Unendlichkeit. Fluchen, wenn die Trekkingstöcke in den Spalten hängen bleiben und einen ruckartig aus dem Gleichgewicht reißen. Eine never ending story, aber die Sonne scheint. Der Blick über den Sitojaure wird immer schöner. Türkisgrün schimmert das Wasser und ein weiter Blick Richtung NO entschädigt in den Pausen für die Mühe. Dann kommt ein tief eingeschnittener Bach. Erst geht es runter in diese landschaftliche Kerbe, dann ein sehr steiler Gegenanstieg und weiter massenhaft Steine, Steine und Steine. Im Internet fand ich 2 Berichte zu dieser Strecke. Beide beschreiben den Weg von oben nach unten. Eine Gruppe hat das Ganze bei Nässe gemacht - ich denke bei nassen Steinen ist hier Hopfen und Malz verloren und das Risiko von Unfällen durch Ausrutschen extrem hoch. Wie auch immer, irgendwann ist der Rampf vorbei, die letzten Meter auf herrlich weichem, moosigem Untergrund und wir blicken auf die Jakatjkaskalako-Hochebene und die Renwächterhütte an zwei kleinen Seen. Schöne Zeltplätze hier, bald kocht das Wasser und wird ins Essen gekippt - die nouvelle cuisine, wie sie im Outdoorhandbuch von Rainer Höh gelobt wird, ist eindeutig nicht das, was im Sarek Spaß macht (schnell, einfach, Spritsparend und trotzdem gut ist das Motto). Plötzlich springt Martin auf, das Handy in der Hand: "ich hatte kurz Netz ". Sofort zückt Dietmar sein Exemplar und testet den Empfang, aber er kriegt kein Netz und bei Martin war es auch nur kurz. Martin will vor dem Nachtisch noch schnell ein Stück den Hügel (Tjalle) hinauf, um es noch mal zu probieren. Dietmar ist plötzlich auch nicht mehr müde und geht mit - kann nicht so schlimm gewesen sein, die heutige Tour. 15 min später ist Dietmar wieder da - kein Empfang, Martin ist noch weiter gegangen. Wir putzen erst mal den Nachtisch weg. Schon kommt Martin in fröhlichem Joggingstil mit seinen Trekkingsandalen die Steinwüste heruntergehüpft, als sei er auf einem Fußballrasen unterwegs. Ja, ja, natürlich hatte er Empfang und mit zu Hause telefoniert (erinnert mich an ET: "nach Haaaaause"). Dietmar verliert fast seine Kaiserschmarrengeduld, aber nicht ganz. Erst kommt Schmarren und Kaffee, dann geht es wieder den Hügel hoch. Steff kommt erfrischt vom See zurück. Gute Idee, ich packe mein Super Badehandtuch (20x40) und die Bioseife. Am See geht es gleich steil rein. Ich komme bis zum Bauch, dann sind die Füße bereits am absterben. Nix wie raus, mit Schwimmen wird das nix. Die Zeit vergeht, es fängt an zu dämmern und von Dietmar keine Spur. Wir werden ein bisschen unruhig und suchen den Hang ab. Ganz oben am Gratrücken können wir irgendetwas erkennen - oder auch nicht. Dann geht Steff los, den Hang hoch, mal schauen. Als wir Steff aus den Augen verlieren, grübeln wir bereits über einen möglichen Unfall im Blockgelände oder vielleicht hat Dietmar einen Bären getroffen und diskutiert mit ihm über Kaiserschmarren. Also jetzt mal methodisch vorgehen, Rettungsaktion starten: falls Dietmar einen Unfall hatte, brauchen wir einen Schlafsack zum Wärmen - den pack ich ein. Martin kommt mit der Alditüte - da drin sind gut ein Kilogramm Medikamente und Verbände, Pflaster und Kügelchen. Micha bleibt beim Zelt für die Rufkommunikation und hängt seine gelbe Regenjacke vors Zelt, falls wir in der Dämmerung die Zelte nicht mehr erkennen. Wenn Dietmar wieder erscheint, soll er dreimal mit der Taschenlampe blinken. Schon joggen wir den Berg hoch. Fast oben hört Martin, dass Micha ruft - ich höre nichts, doch dann können wir das gelbe Pünktchen der Taschenlampe erkennen - das Signal.  Weit drüben sehen wir Steff und zusammen setzen wir uns erst mal hin und beschließen, dass Dietmar dafür mindestens eine Rund Bier in Gällivare ausgeben muss. Dann sehen wir langsam in die Runde und sind fasziniert von der abendlichen Stimmung. Weit hinten im Tal des Sitojaure sorgt ein gedämpft rosafarbener Himmel für das letzte Quäntchen eines unvergesslichen Tages, dann kommen die ersten Sterne raus. Wieder unten stehen wir noch eine Weile rum, trinken Tee und schwatzen. Dietmar hat oben telefoniert und die Abendstimmung fotografiert und ist dann irgendwie unbemerkt an Steff vorbei langsam runtergelaufen - mit viel Zeit und Geduld. Feierabend.

 

So. 26.8.01   Ab in die Nebelsuppe

Abluss des Abmojaure

Um 8 Uhr raus. Es ist kühl, wenig Sonne. Über ebene Blockfelder und eine Art "Pflastersteinstraße" geht es über die Jakatjkaskalako Hochebene an der Grenze des Nationalparks entlang zum Abmojaure. Ein Bach sorgt mit glitschigen, unter der Wasseroberfläche liegenden Trittsteinen für eine kurzweilige Balanciereinlage, bei der sich Martin nasse Socken holt. Dann ziehen langsam Nebelschwaden über die Hochebene. Wir wollen zu einer kleinen Schutzhütte, die in unseren Karten (von 1983) nordwestlich des Skierfe eingezeichnet ist. Das wäre ein Spitzen Basislager, von dem wir gemütlich auf den Skierfe spazieren und die "weltberühmte" Rapadalszenerie anschauen könnten. Den Nebel könnten wir dort gemütlich aussitzen. Steff, Martin und Micha machen Dampf. Ich  gehe mit Dietmar langsam, tape meinen Hüftknochen mit Compeedpflaster, weil sich die Stelle immer öfter mit scharfen Stichen gegen den Hüftgurt wert - die Knochenhaut ist da wohl überreizt, hätte viel früher mit Compeed geschont werden müssen. Die anderen sind knatschig, weil wir so langsam sind und der Nebel immer dicker wird. Jetzt wird es lustig mit dem Hütte suchen. 50 bis 100 Meter Sicht. Wir schauen immer wieder auf die Karte. Kaum zu glauben, dass wir dann plötzlich "auf" der Hütte stehen, denn von unserer großen Hoffnung sind nur noch halbvermoderte Bretterwände übrig, die auf dem Boden liegen. Etwas weiter oben entdecken wir die ursprünglichen Verankerungen - deshalb findet man im Internet keinen Hinweis auf diesen Windschutz. Wir hätten wohl besser eine aktuelle Karte kaufen sollen. Na gut. In diesem Nebel geht nichts mehr. Zelte aufbauen und Körper mit Kalorien versorgen.  Wir habe noch viel Zeit heute. Die Sicht geht auf 30 bis 50 Meter zurück. Micha fängt an, einen Steinofen zu bauen, denn wir haben noch Mehl zum Brotbacken dabei. Ein paar einzelne Hüttenbretter sammeln wir auf und heizen dann ein. Martin gibt aus seinem Rucksack 500g Mehl. Ich sage ihm, das er laut Verteilungsliste irgendwie 300g zuviel dabei hat. "Was??? das hat mir meine Frau mitgegeben - ich trag 10 Tage lang 300g zuviel herum und weiß es nicht" (Anmerkung des Autors: Tja, ich hätte ihm ja noch ein paar Steine dazugelegt). Wie auch immer, es ist ein Glück, denn ich habe zuviel Wasser in die Teigmischung getan und das klebrige Zeug will nicht mehr von den Fingern, geschweige denn zu einem Brot geformt werden. Mit dem zusätzlichen Mehl lässt sich der Schaden wieder beheben und wir haben eine Riesenteigkugel. Michas Fladen werden gut, für die Riesenkugel reicht der Platz im Ofen nicht, um sie flachzudrücken. Dietmar wirft sie dann einfach rein und das Ergebnis ist schließlich wie das Wetter - beschi......

Regen setzt ein, wir essen noch Mousse au Chocolat - gut für die Stimmung.

 

Mo. 27.8.01   Auf einem anderen Planeten

Sarekwetter auf der HochebeneNachts Regen, morgens Regen, Kondenswasser, nasse Stellen im Zelt (hier hat sich das Outdoortrekkinghandtuch aus 100% Viskose optimal bewährt, nämlich zum Aufsaugen an der Tropfstelle). Die Kleider sind auch recht klamm. In dem Nebel brauchen wir nicht an den Skierfe zu denken, aber auch der Marsch auf den Kungsleden wäre etwas umständlich, denn wir müssten dem Bach folgen, um uns nicht zu  verlaufen. Wir bleiben heute noch hier. Bei meiner Jack Wolfskin Regenjacke (Modell Rhapsody, in der Outdoorleserwahl an erster Stelle) saugt sich der Außenstoff randvoll, obwohl sie erst 5 Monate getragen ist und ich sie zuvor mit GoreTex Imprägnierspray behandelt habe. Neben den Zelten entsteht ein 10 Meter langer Teich und wir bauen einen kleinen Abfluss, damit er die Zelte verschone. Warten, Tee trinken und pinkeln gehen (wo ist der Regenschirm). Draußen kommt man sich vor, wie auf einem anderen Planeten oder in Wolkenkuckucksheim - weiße Watte überall.

 

Di. 28.8.01   Abmarsch

Same Procedure as yesterday. Endlich mal echtes Sarekwetter - das war´s wovon wir zuhause ge(alb)träumt haben. Expeditionsbedingungen, ganze Kerle, Abenteuer ...

Genug Abenteuer, wir bauen ab. Diskussion um das Wohin. Martin, Steff und Micha wollen zum Kungsleden und dann nach Saltoluokta laufen - zur Not an einem Tag. Dietmar und ich wollen nach Aktse und dann Richtung Tjamotis rausgehen. Dann hätten wir noch eine Chance auf den Skierfe, wenn das Wetter sich bessert. Allerdings ist der Boots-, Taxi- und Bustransfer zurück nach Gällivare umständlicher. Wir können uns nicht einigen und so marschieren wir gemeinsam immer den Windungen des Bachlaufs nach bis wir den Abmojakka erreichen. Die Nebelbank bleibt mit jedem Meter in tiefere Lagen zurück. Dann trennen sich die Wege. Mir fällt die Trennung schon schwer, aber auf die Skierfehoffnung will ich nicht verzichten. In 2 Tagen dann, auf ein Bier in Gällivare. Dietmar und ich queren auf einer Höhenlinie zum Kungsleden, die andern gehen dem Bach nach, Richtung Svine-Schutzhütte. Als wir den Kungsleden erreichen sehen wir Martin, Steff und Micha unten am Rand der Birkenwaldzone. Wir haben einen guten Überblick auf den Sitojaure.

Der Weg nach Aktse zieht sich im Nieselregen so dahin, bis wir endlich den Hang nach Aktse absteigen und unter die Wolkendecke kommen - mit Blick auf das Rapadelta und den unteren Teil des Skierfe. In Aktse kaufen wir uns eine Bierbüchse.  In dem Lädchen gibt es Spiritus, Schoki, Trangiaersatzteile, Grundnahrungsmittel bis hin zu Cola. Viel zu viele Leute hier - sind wir nicht mehr gewöhnt. Die Hütten der Fjällstation sind dermaßen überheizt, dass es uns gleich wieder zurückschlägt. Wir bauen das Zelt auf einem "Campingplatz" neben dem Weg auf (75skr/Pers). Kochen und essen tun wir drinnen. Wir schwatzen mit einem Düsseldorfer Ehepaar, das auf dem Kungsleden wandert und bekommen ein Bier spendiert. Die Gäste schleppen alles was feucht ist rein und heizen die Hütte noch mal um ein paar Saunagrade mehr auf - wie wollen die hier noch Schlafen??? Abends wird die Skierfespitze frei und wir denken schon, dass am nächsten Tag doch noch der ersehnte Rapadalblick vom Skierfe auf uns wartet.

 

Mi. 29.8.01  Aktse - Tjamotis - Jokkmokk - Gällivare

Mistwetter, kein Skierfe in Sicht. Abmarsch zum Bootsanleger. Das Boot kommt und auf dem Fahrplan steht jetzt eigentlich eine Tour ins Rapadelta zum Nammatj, aber mangels Fahrgästen bekommen wir unseren Ride zum Kuolleluopal. Dort stehen 4Wheelautos und zwei Kanuten packen ihre Seekajaks für einen Trip ins Rapadelta. Wir nehmen den Schotterweg zum Parkplatz am Ostende des Tjaktjajaure unter die Stiefel. Endlos langweilige 10 km und die Achillessehne fängt an zu schmerzen. Auf dem Parkplatz wollen wir per Handy das Taxi rufen, aber die Nummer stimmt nicht. Zwei Schweden mit großer Fotoausrüstung organisieren für uns das Taxi - wir sind glücklich. Nach einer Stunde kommt ein ziemlich fertiger Volvo - das Taxi. An der tristen Bushaltestelle 3 Stunden warten auf den Bus. Dann geht es wieder Erwarten gut. In Jokkmokk eine Stunde warten, dann der Bus nach Gällivare - das ist echter Dusel. Um 21 Uhr 15 sind wir am Campingplatz und Micha, Steff und Martin begrüßen uns mit einem Bier. Klasse!

Sie sind tatsächlich an einem Tag rausgelaufen. Haben an der riesigen Saltoluokta Fjällstation die Ausflügler in nigelnagelneuen sauberen HiTec-Klamotten begutachtet und sind schleunigst zum Bus weiter -Ankunft eine gute Stunde vor uns. Langer Abend, viel gelacht.

 

Do. 30.8.2001  Ein Hoch auf die Gemütlischkeit

Gemütlicher Tag.  Gällivare besichtigen und Pizza bestellen. Der Trockenschrank auf dem Campingplatz riecht wie eine Käserei - wir haben Stiefel und Socken reingehängt.

Jetzt ist ´ne Sauna fällig, das tut gut.  Und noch mal ein Saunagang. Seeehr gemütlicher Tag.

 

Fr. 31.8.2001   Sauna, Pommes, Hamburgare

Hamburgare - Haben wir uns verdient!Sauna nach dem Frühstück. Ab nach Gällivare und beim Imbiss Hamburgare mit Pommes und Cola bestellen. Sunshinewetter. Mit dem Bus in den Stadtteil Malmberget zum Fjällsportladen, Mitbringsel einpacken. Ein Legosaurier für Söhnchen Marvin (typisch lappländisch), Windstopperhandschuhe für Sohn Jan und Kerzenleuchte für Susanne. Eine Runde Autos beobachten im Caffee. Aufgemotzte Kisten alle paar Minuten, das ist ein echter lappländischer Volkssport. Viele Wheelispuren von Motorrädern an jeder Straßenecke. Abends noch mal ausgiebig saunieren.

 

Sa. 1. September 2001  Viel geplant und schon vorbei

5 Uhr in der Nacht. Micha klopft auf seine Trangiatöpfe zum Wecken. Keine große Begeisterung, denn 5 Uhr 50 war ausgemacht - da hat er gestern was falsch verstanden. Mit Taxis zum Flughafen und ab in den Flieger. Der gemütlichste Flughafen Schwedens lässt uns ohne jegliche Gepäckkontrolle durch - 10 Tage später wird das wohl nicht mehr passieren.

 

copyright: Dieter Ziegler 2001

 

Erkenntnisse & Erfahrungen

Sarek Teil 1              Home